Irina Hron (Universität Wien & SU): „Hautschrift. Literarische Dermografien bei Herta Müller“

In ihrer literaturgeschichtlichen Monografie Haut ruft Claudia Benthien die menschliche Haut zu „jene[m] manifesten Ort des anderen“ aus, „der dem Blick und der Berührung zugänglich ist“ (Benthien 1999, 17). Gleichzeitig wird die Haut spätestens im 20. Jahrhundert als vornehmliche Metapher des Getrenntseins etabliert. In jenem Spannungsfeld zwischen Begegnung und Trennung findet sich die Denkfigur der Nachbar- und Nächstenschaft, die im Werk Herta Müllers fundamental als Grenzphänomen entworfen wird: Grenze wird dabei jedoch nicht als etwas primär Räumliches oder Zeitliches gedacht, sondern in erster Linie als leibliche Grenze, als Körpergrenze, als Haut.

Davon ausgehend soll – insbesondere mit Blick auf Müllers Collagen – der Zusammenhang von Sprache und Körperlichkeit im Werk der Nobelpreisträgerin neu ausgelotet werden und unter dem Signum einer literarischen Dermografie (Haut-Schrift) zur Diskussion gestellt werden.

 

Dr. Irina Hron studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Interkulturelle Kommunikation, Germanistik und Skandinavistik in München und Kristiansand (Norwegen). 2012 Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Universitetet i Agder mit der Dissertation Hervorbringungen. Zur Poetik des Anfangens um 1900 (Freiburg im Breisgau: Rombach, 2013). 2011–2016 forschte und lehrte sie als DAAD-Lektorin am Institut für Germanistik der Universität Stockholm, wo sie seit 2017 als Postdoktorandin zum Thema Dynamiken der Nachbarschaft von der Moderne bis in die Gegenwart arbeitet. Das Habilitationsprojekt zur österreichischen Gegenwartsliteratur ist aus Mitteln des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW) finanziert und sowohl an der Universität Stockholm als auch an der Universität Wien angesiedelt. Forschungsschwerpunkte: Europäische Literaturen der Jahrhundertwende um 1900; deutschsprachige und skandinavische Gegenwartsliteratur, insbesondere österreichische AutorInnen; aktuelle Literaturtheorien sowie neueste ästhetische Theoriebildung.